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Von Sonnenstrahlen und Vogelzwitschern
„Frühling lässt sein blaues Band / wieder flattern durch die Lüfte / süße, wohlbekannte Düfte / streifen ahnungsvoll das Land…“ Schon 1829 ließ sich Eduard Mörike zu einem der meistzitierten Gedichte hinreißen – wenn da mal nicht die Frühlingsgefühle inspirierend zur Seite standen…
Spürst Du es? Die Tage werden länger, ein Eis auf der Parkbank, die ersten Sonnenstrahlen kitzeln, wecken die Schmetterlinge im Bauch…Stopp, stimmt alles gar nicht!
Rein wissenschaftlich betrachtet hat das Frühlingserwachen kaum noch einen Effekt auf den Menschen – in der Tierwelt dagegen funktioniert’s einwandfrei, da wird sich fortgepflanzt was das Zeug hält. Macht ja auch Sinn, wenn man bedenkt, dass die meisten Tierarten eine Tragezeit von wenigen Monaten haben. Trächtigkeitsbeginn im Frühjahr bedeutet also Geburtstermin im Sommer – und somit beste Aufzuchtbedingungen für die Jungtiere!
Ursprünglich diente dieser gesteigerte Fortpflanzungstrieb auch beim Menschen dazu, Nachkommen so zu zeugen, dass das Nahrungsangebot zum Zeitpunkt der Geburt möglichst günstig ist. Das Killerargument heißt in dem Fall allerdings – wie so oft – „modernes Leben“: Für die Hochstimmung im Frühling ist unter anderem das Hormon Melatonin verantwortlich, dessen Produktion sich hauptsächlich an der Lichtmenge, die die Netzhaut erreicht, orientiert – je mehr Sonnenlicht wir tanken, desto mehr Melatonin wird abgebaut und desto besser fühlen wir uns. Allerdings wird dieser Prozess auch durch künstliches Licht in Gang gesetzt, weshalb selbst der berüchtigte „Winterblues“ seinen Schrecken verloren hat.
“Richtige Dunkelheit und Kälte gibt es heute gar nicht mehr. Deshalb stellen sich die Hormone auch nicht mehr um”, sagt der Freiburger Professor Martin Reincke, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. “Rein hormonell betrachtet gibt es die viel zitierten Frühlingsgefühle gar nicht. Echte Frühlingsgefühle kann man höchstens noch bei Eskimos ausmachen.”
Auch die großflächige Verbreitung der Antibabypille hat unseren jahreszeitlichen Hormonhaushalt ganz schön durcheinander gewirbelt – ein nennenswerte Schwankung des Hormonspiegels kann man übers Jahr verteilt nicht mehr ausmachen. Jahrhundertelang unterlag der Mensch allerdings dieser Laune der Natur: Im 16. Jahrhundert wurden im Frühjahr noch bis zu 20 Prozent mehr Geburten gemessen als zu anderen Jahreszeiten. Zeugungszeitpunkt war damit der Juni, der astronomisch noch zum Frühling zählt.
Was sagt uns das jetzt? Gar nichts! Für unsere persönliche Frühjahrs-Hochstimmung sind wir eben ganz allein verantwortlich. Sonnenbrille, Eis am Stiel, Minirock – dann klappt das mit den Hormonen von selbst, egal was der Professor dazu sagt. Als nächstes wollen die uns noch erzählen, es gäbe keinen Osterhasen. Ich glaub’, es geht los!
- Franziska Strothe -

